PRESSEMITTEILUNG: Aramäer begrüßen mutige Entscheidung des Deutschen Bundestages zur Anerkennung des Völkermords - Bundesregierung übt sich weiter im Wegducken Drucken
Freitag, 03. Juni 2016

Heidelberg/Berlin, 03.06.2016 - Der Bundesverband der Aramäer in Deutschland begrüßt die breite überfraktionelle Zustimmung zur gestrigen Völkermord-Resolution im Deutschen Bundestag.

Das schreckliche Verbrechen an Armeniern, Aramäern und griechischen Christen wurde endlich auch offiziell beim Namen genannt:  Völkermord.

Dazu erklärt der Vorsitzende des Bundesverbandes der Aramäer in Deutschland, Daniyel Demir: „150.000 Aramäerinnen und Aramäer bundesweit danken dem Deutschen Bundestag für diese mutige und historische Resolution. Die Reaktionen der Aramäischen Gemeinschaft weltweit waren überwältigend.

Eine angemessene Erinnerungskultur hat nach 101 Jahren endlich auch in Deutschland ihren würdigen Ort gefunden. Bedauerlich ist dabei, dass die Kanzlerin, der Bundes- und Wirtschaftsminister mit Abwesenheit geglänzt haben, was im Vorfeld und im Kontext der kürzlich erfolgten Drohanrufe seitens der türkischen Staatsführung natürlich den starken Eindruck erweckt, wieder einmal dem langen Arm Erdogans erlegen zu sein. Die überwiegende Mehrheit der deutschen Gesellschaft wird das sicherlich nicht positiv bewerten.“

Der Bundesverband der Aramäer in Deutschland appelliert an die Bundesregierung sich auf die Seite der Opfer und nicht auf die Seite der türkischen Regierung zu stellen, die sich hartnäckig weigert, Verantwortung für ihre Geschichte zu übernehmen. Dies ist weder förderlich für eine angemessene Erinnerungskultur noch unterstützt es den Versöhnungsprozess. Dem türkischen Dauer-Säbelrasseln fehlt es an Sachlichkeit und Seriosität, auch ein türkischer Botschafter wird bald wieder gerne in Berlin zu sehen sein.

Trotz des historischen Durchbruchs steht ein langer und mühsamer Weg bevor, das geschehene Unrecht und die Würde der Opfer und ihrer Nachfahren, insbesondere in der Türkei, aber auch hier in Deutschland, wieder gut zu machen, mahnt der Bundesvorsitzende Daniyel Demir weiter:
 
„Im Zuge der Völkermorddurchführung wurden zahllose Kirchen und Klöster, sowie massenhaft aramäisches, armenisches und griechisches Vermögen, Hab und Gut enteignet. Wir fordern den türkischen Staat auf, die Rückführung dieser Enteignungen und die Aufnahme eines aufrichtigen Versöhnungsprozesses einzuleiten. Staatlich indoktrinierter Geschichtsrevisionismus in türkischen Geschichtsbüchern verhindert dies gerade.

Auf der anderen Seite muss der Völkermord an Armeniern, Aramäern und griechischen Christen im Osmanischen Reich, nicht zuletzt aufgrund der unrühmlichen Rolle des damaligen Deutschen Reiches, auch bundesweit in deutschen Geschichtsbüchern als solcher seinen Platz finden und behandelt werden. Selbstverständlich tragen die in Deutschland lebenden Türken und deren Verbände keine Schuld am Genozid vor 101 Jahren, aber durchaus Verantwortung. Derer müssen sie sich stellen, damit überhaupt kritisches Bewusstsein und ein Raum für Selbstreflexion geschaffen werden kann.“

In den Jahren 1915 bis 1923 sind neben den Armeniern auch bis zu 600 Tausend Aramäer durch Massaker, Massenmord und Deportation durch das osmanische Militär und kurdischen Hilfstruppen umgekommen. Dies entsprach etwa zwei Dritteln der Mitglieder der damals auf dem Gebiet der heutigen Türkei lebenden Aramäer. Weitere 200 – 300 Tausend wurden aus ihrer angestammten Heimat vertrieben oder als Kinder verschleppt und zwangsislamisiert.  

Der Bundesverband der Aramäer in Deutschland e.V. setzt sich für die Rechte und Interessen der Aramäischen Gemeinschaft in Deutschland und den Heimatländer ein. Die Aramäer sind ein semitisches Volk, das im Südosten der Türkei sowie in den Ländern des Nahen Ostens beheimatet ist. In Deutschland leben etwa 150.000 Aramäer, in der EU insgesamt bis zu 300.000. Die christlichen Aramäer sind hauptsächlich Angehörige der syrischen Kirchen, darunter syrisch-orthodox, syrisch-katholisch, syrisch-maronitisch, syrisch-chaldäisch, apostolische Kirche des Ostens und Weitere.