PRESSEMITTEILUNG: Äußerungen von Integrationsbeauftragte Özoguz inakzeptabel Drucken
Montag, 30. Mai 2016

Bundesverband der Aramäer: „Bundesregierung übernimmt Sprachregelung der Türkei.“

Heidelberg/Berlin, 30. Mai 2016 – Der Bundesverband der Aramäer in Deutschland kritisiert in deutlichen Worten die Haltung von Aydan Özoguz, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, im Umgang mit der Anerkennung des Völkermords an Aramäern, Armeniern und Pontos-Griechen im Osmanischen Reich.

„Ohne vernünftige Aufarbeitung“ werden die geschichtlichen Ereignisse in der damaligen Türkei beurteilt, so Özoguz, die sich deutlich von der anstehenden Völkermord-Resolution kommenden Donnerstag im Deutschen Bundestag distanziert.

Dazu erklärt der Vorsitzende des Bundesverbandes der Aramäer in Deutschland, Daniyel Demir:

„Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Özoguz hat in der Debatte jegliche Glaubwürdigkeit verloren. Weshalb Sie trotz massiver Vorbehalte und offensichtlicher Infragestellung der historischen Faktizität des Völkermords sowie einer wohlgemerkt nicht namentlichen Abstimmung, noch ihre ´Zustimmung´ medial offenlegen muss, ist und bleibt unerklärlich. Die Weigerung der Bundesregierung, die nahezu vollständige Vernichtung der christlichen Minderheiten auf dem Gebiet der heutigen Türkei angemessen als Genozid zu bezeichnen, ist schlimm genug. Die Begründung dafür, diese Bewertung Wissenschaftlern zu überlassen - wie von Integrationsbeauftragte Özoguz erneut herangezogen - ist empörend, entspricht sie doch exakt der offiziellen Sprachregelung der Türkei.“

Seit Jahrzehnten entziehen sich türkische Regierungen ihrer Verantwortung, den Völkermord anzuerkennen und zwar mit der fadenscheinigen Begründung, die Ereignisse müssten erst von Wissenschaftlern gründlich untersucht und dann angemessen bewertet werden, so Daniyel Demir weiter.

Der Bundesverband der Aramäer zeigt sich enttäuscht darüber, dass diese Bundesregierung hinter den Bewertungen früherer Bundesregierungen zurückfällt. Zwar haben es Bundesregierungen auch in der Vergangenheit bislang vermieden die Ereignisse direkt als Völkermord zu bezeichnen, aber niemals mit einer von der türkischen Regierung übernommen Begründung.

„Wir fragen die Bundesregierung, welche wissenschaftlichen Bewertungen denn noch ausstehend sind? Es gibt seit Jahrzehnten keinen ernstzunehmenden Wissenschaftler außerhalb der Türkei, der die Geschehnisse nicht als Genozid bezeichnen würde. Und diejenigen, die es in der Türkei wagen den Begriff zu verwenden, werden verhaftet, verschleppt oder getötet. Stellen sie sich vor, eine Bundesregierung hätte in Zusammenhang mit dem Holocaust den Vorschlag unterbreitet, die

Bewertung dieser Geschehnisse solle der Wissenschaft überlassen werden. Stellen sie sich vor, die USA hätten den Überlebenden des Holocaust mitgeteilt, die Frage der Anerkennung des Holocaust hänge von der Zustimmung der Deutschen ab. Meines Erachtens wäre solch eine Haltung undenkbar und das völlig zu Recht.“, erklärt der Bundesvorsitzende Daniyel Demir.

Der Bundesverband der Aramäer in Deutschland fordert die Bundesregierung auf, die Leugnung des Völkermords an den Armeniern, Aramäern und Pontos-Griechen nicht länger zu unterstützen und die Dinge endlich beim Namen zu nennen. Mit der Unterstützung der türkischen Haltung nehme die Bundesregierung in unangemessener Weise Partei für die türkische Seite. Diese Haltung diene weder einer sachlichen Aufarbeitung der Geschehnisse, noch dem Versöhnungsprozess zwischen den Nachfahren der Opfer und Täter. Sie diene ausschließlich der Unterstützung der türkischen Position und schade den Opfern. Die Haltung der jetzigen Bundesregierung könne sich auch dazu eignen, die Überlebenden und Nachfahren der Opfer daran zu erinnern, dass sich schon einmal eine deutsche Regierung in dieser Frage auf die Seite der Türkei gestellt hat, nämlich als Reichskanzler Bethmann Hollwegs entschied: „Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht”.

In den Jahren 1915 bis 1923 sind im Osmanischen Reich neben 1,5 Millionen Armeniern bis zu 500 Tausend Aramäer und 350.000 Pontos-Griechen durch Massaker, Massenmord und Deportation, verübt durch das osmanische Militär und kurdische Hilfstruppen, umgekommen. Das entsprach etwa zwei Dritteln der Mitglieder der damals auf dem Gebiet der heutigen Türkei lebenden Aramäer. Weitere 200 – 300 Tausend wurden aus ihrer angestammten Heimat vertrieben oder als Kinder verschleppt und zwangsislamisiert.

Der Bundesverband der Aramäer in Deutschland e.V. setzt sich für die Rechte und Interessen der Aramäer in Deutschland und den Heimatländer ein. Die Aramäer sind ein semitisches Volk, das im Südosten der Türkei sowie in den Ländern des Nahen Ostens beheimatet ist. In Deutschland leben etwa 120.000 Aramäer, in der EU insgesamt bis zu 350.000. Die christlichen Aramäer sind hauptsächlich Angehörige der syrischen Kirchen, darunter syrisch-orthodox, syrisch-katholisch, syrisch-maronitisch, syrisch-chaldäisch, „arabisch“-orthodox, apostolische Kirche des Ostens und Weitere.