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FASD bei der Jahrestagung der "Solidaritätsgruppe Turabdin und Nordirak" PDF Drucken
Mittwoch, 17. März 2010

 

FASD bei der Jahrestagung der „Solidaritätsgruppe Turabdin und Nordirak“

Erzbischof Mor Timotheus Samuel Aktas bricht in Tränen aus
Föderation der Aramäer tritt der Solidaritätsgruppe wieder aktiv bei


Am 12.-13.03.2010 fand die 18. Jahrestagung der „Solidaritätsgruppe Turabdin und Nordirak“ unter der Überschrift „Zwischen Hoffen und Bangen“ in Nürnberg statt. Wie gewohnt gelang es auch dieses Mal, höchst interessante Persönlichkeiten einzuladen, die von sehr aktuellen Themen über den Turabdin und den Nordirak direkt betroffen sind. So stand die Jahrestagung unter dem Stern der Situation der Gerichtsverfahren gegen das Kloster Mor Gabriel einerseits und der angestrebten Selbstverwaltung in der Niniveh-Ebene.

Aramäische Selbstverwaltung oder Autonomie im Nordirak
Der erste Abend war dem Irak gewidmet. Gastredner waren der Erzbischof der assyrischen Kirche Mar Gewargis Sliwa aus Bagdad und Aziz Amanuel Zebari vom „Chaldean Syriac Assyrian Popular Council“ aus Arbil. Dieser Rat wurde im Jahr 2007 gegründet und ist eine Zusammensetzung von neun aramäischen irakischen Parteien, die gemeinsam das Ziel verfolgen, eine Selbstverwaltung für die Aramäer im Irak durchzusetzen. Dies will der Rat dadurch verwirklichen, indem er die politische Stimme des aramäischen Volkes vereinen und dieses Volk in den Verfassungen des Irak und der Kurdischen Autonomieregion verankern will.
Während der assyrische Erzbischof die trostlose Lage der Christen in den Großstädten, allen voran Bagdad und Mossul, schilderte, ging Zebari detailliert auf den Stand der Verwirklichung einer Selbstverwaltung ein. Er zeigte eine Karte mit den Dörfern und Städten im Nordirak, in denen mehrheitlich Aramäer wohnen. Diese liegen nicht nur in der Niniveh-Ebene und nicht nur in der Kurdischen Autonomieregion.
Der Vertreter des „Chaldean Syriac Assyrian Popular Council“, dessen Sitz in Dohuk (Nohadra) ist, erklärte auch, warum der Volksrat eine Autonomie und keine Selbstverwaltung anstrebe. Letztere sieht er lediglich als lokale Selbstverwaltung. Eine solche „haben wir schon seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Wir müssen die Situation jetzt verbessern“, so der Politiker, der auf die massive Flucht auch aus den nordirakischen Gebieten hinwies. Eine Autonomie würde eine feste Grundlage für eine Zukunft der Aramäer im Irak sein.

Nächste Schritte der Verwirklichung der aramäischen Autonomie
Um die Autonomie zu realisieren, müsste das Recht dazu für eine solche sowohl in der Verfassung der Kurdischen Autonomieregion als auch in der des Gesamtirak festgelegt werden.
Während man in der kurdischen Verfassung bereits erfolgreich war, liegt für Bagdad noch ein schwieriger Weg vor. Hoffnungen hegt der aramäische Politiker in den Parlamentswahlen vom 7. März, dessen Ergebnis noch aussteht und frühestens am 18. März erwartet wird. Sollten ausreichend aramäische Politiker in das irakische Parlament in Bagdad einziehen, wären hoffnungsvolle Voraussetzungen für früchtetragende Verhandlungen geschaffen. Der Rat fühlt sich der Gefolgschaft der Aramäer im Irak sicher. Dies bestätigten nach Zebari drei Großdemonstrationen, die durchgeführt worden sind, die letzte in Dohuk mit 20.000 Menschen. Aber auch die kurdische Verfassung muss noch in einem Referendum bestätigt werden. Geschieht dies, „werden wir mit der Gestaltung von Legislative, Judikative und Exekutive beginnen“, so Aziz Amanuel Zebari.

Mor Timotheus spricht klare Worte gegen die Politik der Türkei gegenüber den Aramäern
Gastredner über den Turabdin war der Erzbischof des Klosters Mor Gabriel Mor Timotheos Samuel Aktas höchst persönlich. Zudem standen die Malfone Isa Garis (Gülten) und Isa Dogdu als Redepartner zur Verfügung. Die kleine Delegation aus dem Turabdin konnte einen nachhaltigen Eindruck über die persönliche Situation der Klosterbewohner vermitteln. Im Vordergrund standen nicht die rechtlichen Details der fünf von staatlicher Seite gegen das Kloster angestrengten Gerichtsverfahren. Diese ziehen sich mittlerweile über fast zwei Jahre hin, ohne dass ein Ende nicht Sicht wäre. Diese nervenzehrende Situation war in der Rede und den Gesichtern der Klosterbewohner zu spüren.
In seiner Rede prangerte der syrisch-orthodoxe Erzbischof den Druck des übermächtigen türkischen Staates an, dessen Repressalien er in den letzten zwei leidvollen Jahrzehnten zu spüren bekam. Die Versprechungen gegenüber den Minderheiten im Zuge der EU-Beitrittsverhandlungen, stellten sich immer und immer wieder als leer heraus. „Diese Beteuerungen tragen nur den Namen ´Rechte`“, so der Bischof. „Das wahre Gesicht der türkischen Politik gegenüber den Aramäern offenbart sich anhand der Gerichtsverfahren gegen das Kloster.“ Denn obwohl das Gericht in Midyat festgestellt habe, dass die Ländereien dem Kloster gehörten, fürchtet das Kloster immer noch, die Verfahren zu verlieren, da es „Geheimmächte im Hintergrund gibt, deren wahres Ziel zweifelsfrei sei, die Ländereien wegzunehmen“, erläuterte der Bischof unmissverständlich. Diese Machenschaften würden von der Regierung gedeckt. „Bei anderen Minderheiten in der Türkei werden ähnliche Probleme viel leichter gelöst, wohingegen die christlichen Gemeinschaften ihr offenkundiges Recht nicht erhalten“, sagte der mutige Bischof in klaren Worten. Weiter hieß es, es sei „nicht zeitgemäß, im 21. Jahrhundert Menschen von Menschenrechten und Gerechtigkeit abzuschneiden, egal ob durch einen Staat, eine Partei oder einen Menschen.“

Tränen der Hoffnungslosigkeit
Insgesamt stuft der in letzter Zeit sehr alternde Abt des Klosters Mor Gabriel die Situation als „unklar und hoffnungslos“ ein, in der es keinen Ausweg mehr gibt außer dem „Ausharren und Überdauern der Ungerechtigkeit“. Diese Hoffnungslosigkeit überkam dem Erzbischof des Turabdin am Ende seiner Rede. Bei der Vermittlung der Grüße aus dem Turabdin brach er unvermittelt in Tränen aus. Die Teilnehmer der Jahrestagung, die ihn seit Jahren kennen, waren sichtlich mitgenommen. Keiner hatte ihn je so gesehen. Das Einstimmen des „Kyrieeleison“ durch die Pfarrer Horst Oberkampf und Ernst-Ludwig Vatter war Balsam für die bedrückte Seele. Bei dem Klostervorsteher Mor Timotheus entlud sich die enorme Anspannung der letzten beiden Jahre, in denen er sich in seinem Kloster wie ein Gefangener fühlen, gleichzeitig aber der Weltöffentlichkeit Rede stehen muss, wie nie zuvor.

FASD tritt der Solidaritätsgruppe bei
Zum Ende der Tagung sprach der Bundesvorsitzende der Föderation der Aramäer in Deutschland, David Gelen, die Solidarität seines Verbandes mit der Solidaritätsgruppe aus. Gelen bot die aktive Zusammenarbeit der Föderation an, weil die Projekte der Solidaritätsgruppe überzeugen, und es auf die inhaltliche Arbeit ankomme. Die Aramäer, die teilweise schon in der dritten Generation in Deutschland leben, fühlten immer noch eine große Verbundenheit mit dem Turabdin und dem Irak, so dass sich auch die Föderation sich mit diesen Gebieten stark verpflichtet fühlt, so der Bundesvorsitzende des aramäischen Bundesverbandes. Die Föderation ist gemessen an den Mitgliederzahlen der weitaus größte Verband in Deutschland, der nun die Solidaritätsgruppe unterstützen wird.


Der Bundesvorstand
Föderation der Aramäer in Deutschland