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Offener Brief an die Bundesregierung und den Deutschen Bundestag PDF Drucken
Donnerstag, 15. Dezember 2011

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Dr. Merkel,  Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident Prof. Dr. Lammert,  verehrte Mitglieder des Deutschen Bundestages, 

 

nach den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens vom 30. Oktober 1961 und der scharfen Kritik des türkischen Ministerpräsidenten an der deutschen (Integrations-)Politik kehrt abermals Ernüchterung ein. 

Als Dachverband der Aramäer in Deutschland und zivile Vertretung der 100.000 in Deutschland lebenden und sehr gut integrierten Aramäer wissen wir um die essentielle Bedeutung des Erlernens der deutschen Sprache als notwendigen Schlüssel zu einer erfolgreichen Integration und weisen diese Kritik als anmaßend und völlig inakzeptabel zurück. 

Während Erdogan der Bundesrepublik Deutschland vorwirft Menschenrechte zu verletzten, erreichen die Verstöße gegen Minderheiten- und Menschenrechte, die Diskriminierungen und Agitationen des türkischen Staates gegenüber der urchristlichen Gemeinschaft der Aramäer, eine gefährliche und sehr besorgniserregende Qualität. 

Im Geschichtsbuch der zehnten Klasse aus dem Jahre 2011 - herausgegeben vom türkischen Ministerium für Bildung und Erziehung - werden die Aramäer des Landesverrats bezichtigt, die aus wirtschaftlichen Gründen aus der Türkei ausgewandert und im Westen „zum Werkzeug der politischen und religiösen Interessen der dortigen Länder“ geworden seien. 

Die Bundesrepublik Deutschland ist somit gefordert, diesen absurden Behauptungen entschieden entgegenzutreten und klar Stellung zu beziehen. Einschüchterungs- und Hetzkampagnen dieser Art gegenüber der fast ausgerotteten Gemeinschaft der Aramäer dürfen nicht länger hingenommen werden. 

Die indigene aramäische Bevölkerung wird in ihrer Heimat, dem Turabdin im Südosten der Türkei seit Jahrhunderten verfolgt. Lautlos, nahezu unbemerkt stirbt hier ein ehemals großes Volk, verschwindet eine Kultur, geht eine biblische Sprache verloren. Im ersten Weltkrieg wurden die Aramäer wegen ihres urchristlichen Glaubens verfolgt und Hunderttausende Opfer des an 3,5 Millionen Christen im Osmanischen Reich begangenen Völkermordes. Während der jahrzehntelangen Kämpfe zwischen kurdischen Rebellen und der türkischen Armee im Südosten des Landes flohen Tausende aus ihrem Siedlungsgebiet am "Berg der Knechte Gottes". Von einst 200.000 Menschen in den 60er Jahren leben heute nur noch 2.000 in ihrer angestammten Heimat. 

Auch das seit 2008 andauernde juristische Kesseltreiben gegen das aramäische Kloster Mor Gabriel und seine Leitung ist ein juristischer und politischer Skandal. Erdogan und seine Regierung verstecken sich hinter der Unabhängigkeit der Justiz, während es staatliche Behörden sind, die die Enteignungsverfahren gegen das Kloster unnachgiebig führen. Das Kloster wurde mittlerweile um große Flächen rechtskräftig enteignet. Ziel dieser systematischen, juristischen Angriffe ist zum einen die letzten verbliebenen Aramäer in der Region zu zermürben und zu vertreiben. Zum anderen werden sie dadurch in der öffentlichen Meinung und in der regionalen Bevölkerung gezielt diskreditiert und damit politisch und gesellschaftlich isoliert. 

Dieses vom türkischen Staat veröffentlichte, aktuelle Schulbuch heizt die negative Stimmung gegen die wenigen noch verbliebenen Aramäer weiter an. Bereits im April 2003 fiel das türkische Ministerium für Bildung und Erziehung unter der damaligen Leitung von Hüseyin Çelik mit Dekreten gegen christliche Minderheiten auf. Das Ministerium veranlasste die türkischen Schüler dazu, an einem Aufsatzwettbewerb über die angebliche „Völkermordlüge“ der Armenier, Pontosgriechen sowie Aramäer mitzuwirken. Gleichzeitig verpflichtete das Ministerium die türkische Lehrerschaft zur Teilnahme an dazu passenden Fortbildungsmaßnahmen und hat die Neuauflagen veralteter türkischer Schulbücher vorgenommen, in denen Nicht-Muslime in der Türkei als „Spione“, „Verräter“ sowie „Barbaren“ bezeichnet werden. Zudem verweisen die Bücher darauf, dass deren Schulen, Kirchen sowie jüdische Synagogen „schädliche Gemeinden“ sind. 

Wer Zuneigung und Toleranz einfordert, muss diese Eigenschaften auch selbst an den Tag legen. Für den türkischen Staat ist die Zeit gekommen, die kulturelle Vielfalt im Land zu akzeptieren und zu schützen - anstatt sie zu bekämpfen. 

Gemeinsam mit den Mitunterzeichnern fordern wir, als Dachverband der Aramäer in Deutschland, die Deutsche Bundesregierung eindringlich auf, sich für folgende Maßnahmen einzusetzen: 

1. Die türkische Regierung offen auf die eklatanten Missstände, insbesondere die ethnische und religiöse Vorurteile verstärkende Hetze in dem genannten Schulbuch anzusprechen und eine entsprechende Richtigstellung zu fordern; 

2. Die türkische Regierung aufzufordern, die Existenzgrundlage und die Lebensperspektive des Klosters Mor Gabriel dauerhaft zu garantieren und den Aramäern, als Minderheit in ihrem Land im Einklang mit der Europäischen Menschenrechtskonvention die Rechte zu gewähren, die auch in der Beitrittspartnerschaft mit der Türkei eindeutig festgelegt sind; 

3. Die türkische Regierung aufzufordern, die Aramäer als nicht-muslimische Minderheit nach dem Lausanner Vertrag anzuerkennen, damit sie Rechtspersönlichkeit erwerben und ihre Rechte vollumfänglich ausüben können; 

Verschließen Sie nicht die Augen vor einer politischen Entwicklung, Opfer als Täter darzustellen und zu verunglimpfen! Schweigen Sie nicht, unterstützen Sie uns in dieser Angelegenheit! 

Mit freundlichem Gruß 

Daniyel Demir 
Bundesvorsitzender 

 

 

MITUNTERZEICHNER: 

Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF) 

Ali Ertan Toprak, Stellvertr. Bundesvorsitzender 

Arbeitsgruppe Anerkennung - Gegen Genozid, für Völkerverständigung e.V. Dr. Tessa Hofmann, Vorsitzende 

Armenische Gemeinde Köln e.V. 

Minu Nikpay, Vorsitzende 

Armenische Gemeinde zu Berlin e. V. 

Vartkes Alyanak, Vorsitzender 

Christlich-Alevitischer Freundeskreis der CDU (CAF) 

Madlen Vartian und Ali Yildiz, CAF - Sprecher 

Federation of Pontian Greek Associations in Europe Ioannis Mpoursanidis, Chairman 

Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) 

Tilman Zülch, Präsident der GfbV - International 

Verein der Griechen aus Pontos in Köln e.V. 

Dimitrios Konstantinidis, Vorsitzender