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Türkisches Schulbuch bezeichnet Aramäer als Landesverräter PDF Drucken
Sonntag, 09. Oktober 2011

HEIDELBERG, 03.10.11 – Die Hetzkampagne und Agitation des türkischen Staates gegenüber der aramäischen Gemeinschaft in der Türkei erreicht eine neue und sehr gefährliche Qualität.

Im Geschichtsbuch für die zehnte Klasse werden Aramäer jetzt als Landesverräter beschrieben, die aus wirtschaftlichen Gründen aus der Türkei ausgewandert und im Westen „zum Werkzeug der politischen und religiösen Interessen der dortigen Länder“ geworden seien. 

Ein handfester Skandal, der auch Deutschland und die angesprochenen westlichen Staaten was angeht, so der Bundesvorsitzende des Dachverbands der Aramäer in Deutschland, Daniyel Demir. „Wir sprechen schon seit geraumer Zeit von einer Einschüchterungs- und Hetzkampagne, die offenkundig auch von staatlicher Seite unterstützt wird. Unsere Ansicht bestätigt sich immer wieder. Und das ist nicht hinnehmbar. Wir fordern von der türkischen Regierung die unverzügliche Rücknahme dieses ́Geschichtsbuches ́ und entsprechende Richtigstellung“.

Die indigene aramäische Bevölkerung wird in ihrer Heimat, dem Turabdin im Südosten der Türkei seit Jahrhunderten verfolgt. Lautlos, nahezu unbemerkt stirbt hier ein ehemals großes Volk, verschwindet eine Kultur, geht eine biblische Sprache verloren. Im ersten Weltkrieg wurden die Aramäer wegen ihres urchristlichen Glaubens verfolgt und Hunderttausende Opfer des Völkermordes im Osmanischen Reich. Während der jahrzehntelangen Kämpfe zwischen kurdischen Rebellen und der türkischen Armee im Südosten des Landes flohen Tausende aus ihrem Siedlungsgebiet am "Berg der Knechte Gottes". Von einst 200.000 Menschen in den 60er Jahren leben heute nur noch 2.000 in ihrer angestammten Heimat.

Seit 2008 werden haarsträubende Prozesse gegen das aramäische Kloster Mor Gabriel und seine Leitung geführt. Erdogan und seine Regierung verstecken sich hinter der Unabhängigkeit der Justiz, während es staatliche Behörden sind, die die Verfahren gegen das Kloster unnachgiebig führen. Ziel dieser systematischen juristischen Angriffe ist zum einen die letzten verbliebenen Aramäer in der Region zu zermürben und zu vertreiben. Zum anderen werden sie dadurch in der öffentlichen Meinung und in der regionalen Bevölkerung gezielt diskreditiert. Dieses vom türkischen Staat veröffentlichte Schulbuch aus dem Jahr 2011 heizt die negative Stimmung gegen die wenigen noch verbliebenen Aramäer weiter an.

Erst 2009 wurde in einer Umfrage, die mit Unterstützung der EU von der jüdischen Gemeinde in der Türkei vorgenommen wurde, eine breite Ablehnung von Juden und Christen durch die muslimische Bevölkerungsmehrheit der Türkei dokumentiert. Jeder dritte Türke sagt, dass er keinen Christen als Nachbarn haben will, noch mehr lehnen Juden ab.

Mehr als jeder zweite Befragte lehnte in der Umfrage die Beschäftigung von Nicht-Muslimen in der Justiz, in der Armee, bei der Polizei, beim Geheimdienst und in den politischen Parteien ab. Über 40 Prozent sind zudem dagegen, dass Christen oder Juden in der Wissenschaft und im Gesundheitswesen vertreten sind.

Geht man diesen Ergebnissen auf den Grund, gelangt man ohne Umwege zum türkischen Staat, in diesem aktuellen Fall zum Ministerium für Bildung und Erziehung. Das besagte Ministerium fiel bereits im April 2003 unter der damaligen Leitung von Hüseyin Çelik mit Dekreten gegen christliche Minderheiten auf. Das Ministerium veranlasste die türkischen Schüler dazu, an einem Aufsatzwettbewerb für die angebliche „Völkermordlüge“ der Armenier, Pontosgriechen sowie Aramäer mitzuwirken. Gleichzeitig verpflichtete das Ministerium die türkische Lehrerschaft zur Teilnahme an dazu passenden Fortbildungsmaßnahmen und hat die Neuauflagen veralteter türkischer Schulbücher vorgenommen, in denen Nicht-Muslime in der Türkei als „Spione“, „Verräter“ sowie „Barbaren“ bezeichnet werden. Zudem verweisen die Bücher darauf, dass deren Schulen, Kirchen sowie jüdische Synagogen „schädliche Gemeinden“ sind.

Wer Zuneigung und Toleranz einfordere, müsse diese Eigenschaften auch selbst an den Tag legen, mahnt der Bundesvorsitzende Demir. Allerdings stehen die Zeichen nach diesen neuesten Entwicklungen eher schlecht. „Für den türkischen Staat ist die Zeit gekommen, die kulturelle Vielfalt im Land zu akzeptieren und zu schützen – anstatt sie zu bekämpfen. Jetzt muss die Türkei entscheiden, ob sie eine Jahrtausende alte Kultur erhalten oder auch noch die Reste ihrer nicht muslimischen Tradition auslöschen will.“, so Demir weiter.

In der Türkei gebe es unabhängig von der Religionszugehörigkeit nur „Bürger erster Klasse“, sagte Erdogan kürzlich. Bundespräsident Christian Wulff sieht die Türkei sogar als Vorbild einer gelungenen Verbindung von muslimischer Gesellschaft und demokratischer Staatsordnung. „Die Türkei ist ein Beispiel dafür, dass Islam und Demokratie, Islam und Rechtsstaat, Islam und Pluralismus kein Widerspruch sein müssen“, sagte neulich das Staatsoberhaupt einer großen Tageszeitung.

Mit solch überschwänglich, positiven Formulierungen sieht man der Wahrheit jedenfalls nicht ins Auge. Als Dachverband der Aramäer in Deutschland fordern wir die deutsche Bundesregierung auf, aktiv zu werden, gegen eine Politik, Opfer als Täter darzustellen und zu verunglimpfen.